Schreiten

Das Schreiten, das bewusste Gehen, ist eine Geste, die Sie als Akt der Nachfolge vollziehen können. Im Gehen können Sie das Aufbrechen und das Zurücklassen einüben und Wandlung erfahren.

Schon zu biblischen Zeiten sind Menschen im Vertrauen auf Gott losgegangen. „Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde“, sprach Gott zu Abram, der sich daraufhin auf eine langjährige Reise machte. In ähnlicher Weise wurden die zwölf Jünger von Jesus gerufen. „Folge mir nach“, forderte Jesus etwa den Zöllner Levi auf. Immer wieder sahen sich Menschen in der Folgezeit von diesen biblischen Worten zum Gehen veranlasst. Im Frühmittelalter z.B. waren es irische Mönche wie Columban, die zur „peregrinatio pro christo“, zur Pilgerreise um Christi Willen, aufbrachen und so mit dem Schiff und zu Fuß in die entlegensten Gegenden Europas vordrangen. So entstand über die Jahrhunderte hinweg die Geste des Schreitens.

Schreiten

Schreiten

Auch heute noch kennt man diese Geste des bewussten Gehens. Wer einmal die Gelegenheit hat, ein bewohntes Kloster zu besuchen, der wird beobachten, wie Mönche und Nonnen mehrmals täglich zum Chorgebet aufbrechen und durch den Kreuzgang zu ihrer Kirche schreiten. Das Schreiten praktizieren heute viele Menschen auch dann, wenn sie auf traditionellen oder neuen Pilgerwegen gehen; und in manchen Gegenden Deutschlands ist auch das gemeinsame Schreiten einer Prozession zu kirchlichen Festtagen verbreitet.

In der Geste des Schreitens kann nachvollzogen werden, was andere Gläubige zuvor bereits mit Gott erlebt haben. Man tritt hinein in den Traditionsstrom von Gehenden, wie es Abraham, Levi oder Columban waren. Mit dieser Geste wurde und wird das Loslassen von Altem geübt, das Sich-auf-den-Weg-Machen, ohne schon das Neue gleich erreicht zu haben. Dabei erfahren Schreitende, wie sie sich im Gehen wandeln, wie sie hineingenommen werden in den Weg Jesu von Kreuz und Auferstehung. Im Gehen kann also Neuwerdung erfahren und Nachfolge eingeübt werden.

Sie könnten in den nächsten Tagen einen Spaziergang machen. Schreiten Sie langsam und bewusst. Suchen Sie sich als Ziel einen Ihrer „heiligen Orte“, z. B. eine Kirche oder Kapelle, ein Wegkreuz oder einfach eine einsam gelegene Parkbank. Auf dem Weg dahin könnten Sie sich fragen: Was ist der nächste Schritt auf meinem Lebensweg und auf meinem Weg mit Gott? Wo muss ich vielleicht etwas zurücklassen und neu aufbrechen? Machen Sie sich bewusst, dass sie im Schreiten nicht alleine sind, sondern vor Ihnen schon viele andere Gläubige gegangen sind und dass dieser Spaziergang zu einem Akt ihrer Nachfolge werden kann. Vielleicht machen Sie auch die Erfahrung, dass dieser Weg Sie verändert.

sgd