Kreis ziehen

Er nimmt seinen Stab und drückt ihn ein wenig in die Erde. Dann geht er los – den Stab zieht er hinter sich her, eine Linie bleibt zurück. Ungläubig schauen ihn die Kühe und Schafe an, die er so zu umkreisen beginnt. Nicht nur seine Mitmönche will er segnen, oder die Pilger und Armen, die sein Kloster aufsuchen – auch die Tierherde soll unter dem Schutz Gottes stehen. Deshalb zieht er einen Kreis um sie herum und bittet Gott damit um Bewahrung – ist das eine hilfreiche Geste oder ganz im Gegenteil: ein magisches Ritual?

„Ninian of Whithorn“ von Unbekannt - Book of Hours of the Virgin and Saint Ninian. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ninian_of_Whithorn.jpg#/media/File:Ninian_of_Whithorn.jpg

Kreis ziehen

Im Kreis geschützt und gesegnet

Der Kreiszieher ist Ninian, ein keltischer Mönch im 5. Jahrhundert. Seine Vita erzählt von diesem Ereignis. In der Nacht kommen Diebe. Als sie sehen, dass die Herde weder eingezäunt noch bewacht ist, wittern sie leichte Beute. Doch als sie die Kreislinie Nininas überschreiten, greift sie urplötzlich der Stier der Herde an. Der Anführer wird schwer verletzt, die anderen fliehen. Als Ninian dazukommt, hat er Mitleid mit dem Mann. Ninian betet und weint über ihm. Das Wunder geschieht: Der Dieb wird geheilt und lebt.

In der Geschichte der Religionen gibt es immer wieder ganz ähnliche Erscheinungen: Der Kreis markiert einen heiligen Bereich, in dem die göttliche Kraft besonders präsent sein soll. Im Kreis erfährt man das Göttliche. In der Kirchenkunst steht der Kreis auch für den Himmel – für den Bereich, in dem Gott ganz gegenwärtig und seine Macht ganz wirksam ist.

Kreisgebete heute beten

Ninian gilt als der Erste, der ein Schutzgebet mit einem Kreis verband. Ähnliche Kreisgebete haben sich bis heute erhalten. Natürlich zieht heute niemand mehr eine Linie in den Staub. Vielmehr schlägt man gedanklich oder mit einer einfachen Handbewegung den Kreis um sich selbst oder um andere. Man macht sich bewusst: Gott umgibt mich, er umkreist mich und hüllt mich ein in seiner Liebe.

Auch wenn mich Ninians Geschichte stark an das Ziehen von magischen Kreisen erinnert – recht verstanden, ist das Kreisschlagen eine hilfreiche Geste. Sie macht greifbar, worum wir bitten, wenn wir zum Beispiel beten:

Umgib mich, Herr,
dein Schutz sei nah,
und die Gefahr fern.
Umgib mich, Herr,
dein Licht sei nah
und das Dunkel fern.
Umgib mich, Herr,
dein Friede sei in mir
und das Böse fern.

sgd