Fußwaschung

Der Mann ganz in weiß kniet nieder. Das weiche, weiße Handtuch über seinen Unterarm gelegt. In der einen Hand eine Schüssel, in der anderen ein Krug mit warmem Wasser. Vor ihm, etwas skeptisch, sitzt ein Jugendlicher. Im Kreis um ihn herum elf weitere. Die aufgekrempelten Hosenbeine entblößen tätowierte Haut, die von einem Leben in Drogen, Gewalt und Armut erzählt. Der kniende Mann schaut kurz auf. Ein Lächeln huscht über seine Lippen. Dann hebt er vorsichtig einen Fuß nach dem anderen und badet sie im Wasser. Er trocknet die Füße und er küsst sie. Ähnliche Szenen spielten sich in den vergangenen Jahren in Buenos Aires ab, wenn Jorge Mario Bergoglio, der dortige Erzbischof, heute Papst Fraziskus, zu Gründonnerstag Kranken, Drogenabhängigen und Sterbenden die Füße wusch.

Fußwaschung

Fußwaschung

Jemandem die Füße zu waschen, ist ein überaus eigenartiger Akt. Doch wenn Christen in diesen Tagen gerade das tun, dann verweisen sie auf eine spektakuläre Begebenheit, die sich vor etwa 2000 Jahren abspielte:

Jesus hatte sich zu einem festlichen Abendessen mit seinen Jüngern verabredet. Alle saßen um den Tisch, als Jesus sich plötzlich erhob. Er griff nach einem Handtuch und nach einer Wasserschüssel und begann wortlos seinen Jüngern die staubigen Füße zu waschen. Der Dreck der antiken Straßen hatte sich tief unter die Zehennägel gegraben. Die Sandalen schützten dagegen kaum. Die Füße vor dem Essen zu waschen, das war eigentlich Aufgabe des niedrigsten Dieners oder des Sklaven. Doch Jesus stellt jetzt diese sozialen Konventionen auf den Kopf. Er, den sie hochachtungsvoll „Meister“, „Herr“ oder „Rabbi“ nennen, er kniet nieder und tut diesen gering geschätzten Dienst. Nachdem er die Runde gemacht hatte, bedurfte es nicht vieler Worte. Jesus sagte nur: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Johannnesevangelium 13,34) Ein anderer erinnert sich auch an die Worte: „… der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Dienende.“ (Lukasevangelium 22,24-27) Ein starkes Zeichen. Und das, nachdem die Jünger wenige Momente zuvor noch über die Rangfolge innerhalb der Jüngergruppe diskutiert hatten.

Das Füßewaschen ist damit eine Geste leidenschaftlicher Demut und die Bereitschaft zu revolutionärer Selbsterniedrigung. In der Geschichte der Christen wurde in dieser Geste manchmal sogar Gottes Heilshandeln erwartet – einigen galt sie als Sakrament.

Vielleicht besuchen Sie am Gründonnerstag einen Gottesdienst mit Fußwaschung. Wahrscheinlich wird dieser in Ihrer lokalen katholischen Gemeinde  gefeiert. Wenn Sie dort die Geste der Fußwaschung miterleben, können Sie über Ihre eigene Bereitschaft zu einer hingebenden Liebe, wie sie Jesus fordert, nachdenken. Sie können aber auch selbst aktiv werden und Ihre eigene Geste der Demut finden, der Fußwaschung ähnlich. Fragen Sie sich in der Begegnung mit anderen: Was kann ich für Dich tun? Ihnen werden bestimmt unbeliebte Aufgaben oder als erniedrigend empfundene Tätigkeiten auffallen, mit denen Sie anderen Menschen dienen können.

sgd