„Ich bin dann mal weg“ auf der großen Leinwand

Hand aufs Herz: die Thematik „Pilgern“ hat mich nie wirklich interessiert. Tagelang durch Landschaften stapfen, mit seinen Gedanken alleine sein, auf der Suche nach sich selbst sein – die ersten 24 Jahre meines Lebens habe ich nie die Dringlichkeit für mich gesehen, selbst einmal zu pilgern. Erst als ich dank Rainer und Ilona Dörr-Wälde die Pilgerreise im englischen Northumbria wahrnahm, bekam ich überhaupt erst ein Gespür für die Motivation, zu pilgern. Vor einem halben Jahr hätte mich also die Buchverfilmung „Ich bin dann mal weg“ wenig interessiert, doch jetzt durfte ich das zentrale Thema des Filmes unter einem ganz neuen Gesichtspunkt sehen.

Neun Jahre nach Hape Kerkelings bekanntem Reisebericht „Ich bin dann mal weg“ wurde die einzigartige Geschichte des Entertainers auf dem Jakobsweg nun auch auf die große Leinwand gebracht. Regisseurin Julia von Heinz findet dabei eine äußerst gelungene Mischung aus Situationskomik, Tiefe und großartigen Bildern und überzeugt ebenso wie ihr wunderbarer Hauptdarsteller auf ganzer Linie.

Kinoplakat "Ich bin dann mal weg"

Kinoplakat „Ich bin dann mal weg“

Worum geht es eigentlich?

„Über Monate nicht auf die innere Stimme zu hören, die einem das Wort „PAUSE!“ förmlich in den Leib brüllt, sondern vermeintlich diszipliniert weiterzuarbeiten, rächt sich halt – indem man einfach gar nichts mehr hört.“ 

Der übergewichtige und Kette rauchende Alleinunterhalter Hans-Peter Kerkeling (Devid Striesow) liebt das Showbusiness über alles. Dabei geht er allerdings konsequent über seine eigenen Grenzen, bis er eines Abends auf der Bühne zusammenbricht. Doch er hat Glück, schrammt nur haarscharf an einem Herzinfarkt vorbei. Der Rat vom Doktor: einfach mal nichts machen.
Undenkbar für den Workaholic, dem schon nach wenigen Wochen die Decke auf den Kopf fällt. Als ihm eine Broschüre über den bekannten Jakobsweg in die Hände gerät, ist der Entschluss schnell gefasst. „Ich bin dann mal weg“, meint er zu seiner Managerin, packt seine sieben Sachen und begibt sich auf den bekanntesten Pilgerweg der Welt, um Gott zu finden. Unterwegs trifft er die charmante Stella (Martina Gedeck) und die pfiffige Journalistin Lena (Karoline Schuch), kämpft mit Wind und Wetter und wird ein ums andere Mal mit sich selbst konfrontiert…

 

Ein Comedian sucht seine Identität

„Mein Denken zu stoppen ist fast unmöglich. In Gedanken stimme ich ständig irgendwelche Lieder oder denke über zusammenhanglosen Schrott nach: ´Wo sind meine Hausschlüssel? Zigaretten kaufen! Kaputte Füße! Hunger auf Kartoffelsalat!“

Während der Protagonist durch die wunderbare Landschaft Spaniens pilgert, sich zunächst noch vor Moskitos und Käsefüßen in den Massenlagern drückt und immer wieder lästige Fans abwimmeln muss, fängt er an, sich mit Fragen und Tatsachen zu konfrontieren. Die Stille, die ihn täglich umgibt, zwingt ihn förmlich dazu, sich seinen Gedanken zu stellen, die er in seinem hektischen Alltag einfach unterdrücken konnte. Hier reißt „Ich bin dann mal weg“ immer wieder tiefgründige Fragen an, die zwar nur selten eine Antwort bekommen, aber vor allem den inneren Prozess des Protagonisten passend wiederspiegeln. Auf seinem Weg mit sich selbst rückt auch immer wieder die Frage nach der Existenz Gottes in den Fokus, dennoch ist es zuerst die eigene Identität, die von Hape Kerkeling hinterfragt wird.

„Anscheinend weiß ich ja nicht mal so genau, wer ich selbst bin. Wie soll ich da herausfinden, wer Gott ist? Meine Frage muss also erst mal ganz bescheiden lauten: Wer bin ich?“ 

Wie auch in der Romanvorlage trifft Hape Kerkeling auf unterschiedliche, teils groteske Persönlichkeiten. Und schnell bemerkt er, dass nicht nur er, sondern auch seine Wegbegleiter ihr Päckchen zu tragen haben und mit sich und ihrer Vergangenheit konfrontiert werden. Die von Martina Gedeck sympathisch und zugleich unheimlich zerbrechlich gespielte Stella etwa, die unentwegt ihrem klingelnden Handy davon läuft und einen offensichtlichen inneren Kampf auszufechten hat.

Devid Striesow spielt Hape Kerkeling in "Ich bin dann mal weg"

Devid Striesow spielt Hape Kerkeling

Devid Striesow brilliert in der Rolle des Hape Kerkeling

Emotionaler Schlüssel in „Ich bin dann mal weg“ ist aber dennoch ohne Zweifel Hape Kerkeling, der von Devid Striesow wunderbar verkörpert wird. Nicht nur die optischen Ähnlichkeiten passen wie die Faust aufs Auge, sondern auch Striesows schnippischer Humor, sein schelmenhaftes Grinsen und seine immer wieder aus dem Off eingesprochenen Erkenntnisse, mit denen er feinfühlig, ohne Pathos, fast schon auf intime Weise die verschiedenen Gemütszustände des Pilgers vermittelt. Es ist eine beachtliche Leistung, einem Show-Giganten wie Hape Kerkeling gerecht zu werden. Devid Striesow gelingt dies in jeder Sekunde.

Neben dem großartigen Ensemble und der Vielzahl emotionaler Berichte Kerkelings ist auch die spanische Landschaft ein echtes Highlight des Films. Kilometerlange Wege, goldgelbe Felder, steinige Hügel und die mittelalterlichen Städte lassen das Herz eines jeden Abenteurers sofort höher schlagen. Der immer wieder bewusst platzierte Soundtrack beschert dem Film eine ganz eigene, manchmal sogar leicht melancholische Atmosphäre. Doch keineswegs wird der Jakobsweg dabei romantisiert dargestellt. „Man sagt, jeder Pilger muss auf dem Jakobsweg mindestens einmal weinen“, warnt die junge Journalistin Lena. Und wenn der Protagonist mit durchnässter Kleidung und Blasen an den Füßen irgendwo in der Pampa Unterschlupf sucht, dann bekommt der Kinozuschauer zumindest einen Hauch davon ab, wie schwer es sein muss, den fast 800 Kilometer langen Jakobsweg zu bestreiten. Nein, romantisiert wird die beschwerliche Reise sicherlich nicht.

 

Eine witzige Geschichte mit einschlagender Tiefe

„Eigentlich beginne ich die Pilgerreise jeden Tag aufs Neue. Hab nicht das Gefühl, eine Reise zu machen, sondern tausend kleine Reisen. Jeden Tag muss ich mich neu motivieren. Die Aufgabe, die dieser Weg einem Pilger immer wieder neu stellt, dessen bin ich mir jetzt sicher, heißt:
„Sei einfach nur du selbst! Nicht mehr und nicht weniger als das!“

Am Ende des 90-minütigen Films ist man fast schon etwas enttäuscht, dass die Reise zu Ende ist. Viele tiefgründige Zitate aus Hape Kerkelings Buch werden zwar angerissen, doch oftmals fehlt die Zeit, diesen Aussagen und Erlebnissen wirklich auf den Grund zu gehen und zusätzliche Tiefe zu verleihen. Das klassische Problem, wenn es um eine Buchverfilmung geht.

Nichtsdestotrotz gelingt Regisseurin Julia von Heinz, die Romanvorlage textgetreu, mit viel Witz, Gefühl und mit fantastischer Atmosphäre auf Film zu bannen: ein Kinoerlebnis, das begeistert, hängen bleibt und vor allem auch Lust auf die Romanvorlage von Hape Kerkeling macht. Ein Film, den sich Kinoliebhaber, Freunde des Pilgerns und tiefgründiger Geschichte auf keinen Fall entgehen lassen sollten.

Zum Schluss ein kurzer Hinweis in eigener Sache: Kloster auf Zeit ist die neue Webseite, die aus dem Vorläufer Lebensreise.info entstanden ist. Der Newsletter erscheint ab sofort einmal im Monat und wird von Ilona Dörr-Wälde und Micha Kunze gestaltet. Falls Sie kein Interesse haben, können Sie ihn jederzeit abbestellen. Wenn Ihnen die Inhalte zusagen, freuen wir uns über eine Weiterempfehlung.


Micha Kunze

hat Angewandte Medien studiert und absolviert sein Volontariat bei Rainer Wälde media. Nebenberuflich arbeitet er als Redakteur und ist im Vorstand des Filmvereins
just be creative e. V. tätig.



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