Auf den Spuren irischer Mönche

Eine Woche in der Northumbria Community

Im August fand sich eine Handvoll „Authentisch leben“-Leser am Düsseldorfer Flughafen ein, die der Einladung zu einer spannenden Pilgerreise ins englische Northumbria gefolgt war. Unter der Leitung von Ilona Dörr-Wälde ging es für fünf Tage auf die Spuren der iro-schottischen Mönche. Mein Erfahrungsbericht.

Willkommen im Kloster

Die Northumbria Community ist die Zusammenkunft unterschiedlichster Menschen, die verbunden durch ihren christlichen Glauben Leben teilen. Sie alle verschreiben sich einer neuen Form des Klosterlebens, pflegen gemeinsame Gebetszeiten, genießen aber auch Momente in Stille und Isolation. Überall in der Welt lassen sich mittlerweile Gemeinschaften wie diese finden, die sich den Gründungsort, genannt „Nether Springs“, zum Vorbild nehmen.

Auf dem Weg zu eben jenem Gründungsort entpuppt sich schon alleine die englische Landschaft mit ihrem satten Grün als kleines Highlight. Auch die Community liegt idyllisch zwischen grasbewachsenen Hügeln und unbebauten Flächen, an klaren Tagen ist sogar das Meer in der Ferne sichtbar. Von den Bewohnern und Besuchern werden wir sofort herzlich empfangen. Schnell stellt sich heraus, dass diese Community Anlaufstelle für Gäste aus aller Welt ist. Ich komme mit Dawn ins Gespräch, die den langen Weg von Australien nach England auf sich genommen hat, obwohl sie mit 76 Jahren nicht mehr die jüngste ist. „Für mich gab es keinen besseren Zeitpunkt, mich nochmal auf den Weg zu machen und diese Gemeinschaft selbst zu erleben“, sagt sie mit ihrer ansteckend schnippischen Art. Jeder Bewohner dieses Ortes hat seine eigene Geschichte, warum er sich für kürzere oder längere Zeit der Community angeschlossen hat: persönliche Selbstfindung, Auszeit vom Stress des Berufsalltags, spirituelle Sinnsuche. Auszeit suchen auch viele aus unserer Gruppe. Eine Teilnehmerin, die als Ärztin arbeitet, berichtet, wie es sich anfühlt, unter Dauerstress zu stehen.

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Foto: Shutterstock

Gebet als fester Bestandteil der Gemeinschaft

Vier Mal am Tag klingelt die Glocke, die gut sichtbar im Innenhof der ehemaligen Stallungen hängt, die nun zum Kloster umgebauten wurden. Gemeinsam findet man sich anschließend im gemütlich eingerichteten Wohnzimmer ein, schweigt einige Minuten, um sich und die Gegenwart Gottes wahrzunehmen. Je nach Tageszeit werden unterschiedliche Gebete der irischen und schottischen Heiligen gesprochen, die diesen Rhythmus schon vor Jahrhunderten pflegten. Morgens und abends wird auch für Menschen aus der Region gebetet; so zum Beispiel für den Bürgermeister oder den lokalen Friseursalon. Für mich werden diese Gebetszeiten zu einer angenehmen Routine. Wann nimmt man sich denn im Alltag vier Mal täglich die Zeit, im Gebet innezuhalten?

Die Stille in der Einsamkeit wird ein Thema, das auch unsere Gruppe beschäftigt. Ilona gibt uns immer wieder Impulse, denen wir in der Stille nachgehen. Etwa die Frage, was unsere Herzenswünsche sind oder welche Menschen wir Gefährten nennen können. „Mir sind viele Gefährten eingefallen“, meint ein Unternehmer. „Familie, gute Lehrer, aber auch Buchautoren, die mir geholfen haben, meinen Lebensweg so zu gehen, wie ich es heute tue.“
Die Beschäftigung mit diesen Fragen ist ein interessanter, manchmal fast schon befremdlicher Vorgang: sich bewusst abschotten, um seinen Herzensfragen nachzugehen. Auch das eine Praktik, für die im Alltag selten Zeit finde.

Jahrhunderte tot, doch aktueller denn je

Ein zentraler Bestandteil unserer kleinen Pilgerreise ist die Auseinandersetzung mit den frühen Mönchen, die im 7. Jahrhundert England missionierten. Gemeinsam machen wir uns auf, um verschiedene Stätten zu besichtigen und uns vor allem von der Weisheit eben jener Mönche inspirieren zu lassen. Einer dieser Plätze ist Cuthberts Cave. Legenden zufolge haben die Mönche des naheliegenden Klosters Lindisfarne auf der Flucht vor plündernden Dänen den Leichnam ihres verstorbenen Bischofs Saint Cuthbert mitgenommen und in einer Sandsteinhöhle versteckt. Die Landschaft rund um diese Höhle ist gigantisch. Wir steigen auf den höchsten Punkt und überblicken das Land. Hinter uns das Meer, vor uns kilometerweit unberührte Natur. Ein Anblick, den wir nicht mehr vergessen werden.

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Foto: Shutterstock

Mein persönlicher Favorit bleibt jedoch die Geschichte von Saint Aidan: ein irischer Mönch, der von König Oswald nach Northumbria gerufen wurde. Wohl wissend, wie kräftezehrend seine Missionsarbeit sein würde, entschied Aidan, sich auf der Insel Lindisfarne niederzulassen. Die Besonderheit: alle sechs Stunden wird die Insel durch Ebbe und Flut vom Festland getrennt. Ein Umstand, den Aidan begrüßte. Während der Flut zog er sich in sein Kloster zurück, verbrachte Zeit mit sich selbst und Gott. Sobald die Ebbe den Weg zum Festland freigab, machte er sich auf, um in Northumbria seinen Dienst zu tun.

Dieses Verständnis von der Notwendigkeit der Ruhe und Isolation in einer hektischen Welt brennt sich in mein Gedächtnis ein. Schon vor Jahrhunderten hat Saint Aidan eine Erkenntnis gemacht, die heute aktueller nicht sein könnte. Eine Erkenntnis, der ich während unserer Wattwanderung zu eben jener Insel nachgehe. „Ich fand es wunderbar, dass wir uns nicht nur innerlich mit diesen Menschen und Orten auseinandergesetzt, sondern auch diese Orte wirklich besucht haben“, meint Simone, für die die zur Reflexion einladenden Wattwanderung ebenfalls zu den Highlights gehört.

Die langen, informativen und doch erholsamen Tage bergen für jeden aus unserer Gruppe unterschiedliche Erkenntnisse. Ein Teilnehmer ist zum Beispiel mit der Frage konfrontiert, ob er seine Meisterjahre weiterhin in seinem Beruf verbringen oder doch noch einen anderen Weg einschlagen möchte. Es ist spannend zuzuhören, wie jeder Einzelne an verschiedenen Punkten herausgefordert ist und in der Stille oder in Gesprächen Antworten auf seine Fragen findet.

Erfrischt zurück in den Alltag

Die vielfältige Mischung aus Gemeinschaft, englischer Kultur, ehrlichem Austausch und herausfordernden Impulsen entlässt uns erfrischt und bereichert wieder in den Alltag. In diesen fünf Tagen durfte ich nicht nur erfahren, wie wohltuend die derart offene und herzliche Gemeinschaft der Northumbria Community ist, sondern auch neue Erkenntnisse über mich, meinen Glaubensalltag und die Weisheiten der alten Mönche gewinnen. Neben all den spirituellen, menschlichen Begegnungen soll aber auch noch ein weiteres Highlight unserer Gruppe Erwähnung finden: in einem urigen Lokal in Bamburgh entdeckten wir unsere Vorliebe für „Cream Tea“: Englischer Tee mit Scones, Clotted Cream und Erdbeerkonfitüre. Eine regionale Spezialität, die unsere Pilgerreise perfekt abrundete.

Sie haben Interesse an einer Pilgerreise in Northumbria? Die nächste Reise startet im August 2016. Weitere Informationen finden Sie auf www.typakademie.de


Micha Kunze

hat Angewandte Medien studiert und absolviert sein Volontariat bei Rainer Wälde media. Nebenberuflich arbeitet er als Redakteur und ist im Vorstand des Filmvereins just be creative e. V. tätig.



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